Sonntag, 22. Oktober 2017

Gedanken zum E-Auto

Es ist schon erstaunlich, mit welcher Verbissenheit manche Artikel-Leser sich in den Kommentaren gegen alles stellen, was irgendwie "EAuto" heißt oder damit zu tun hat. 
Mal ganz abgesehen davon, dass sich die Meinung der deutschen "wir wollen unseren Verbrenner behalten"-Autokundschaft nur marginal auf die Geschäftsinteressen der Auto-Industrie auswirken,  denn der weltweite Markt zwingt zum EAuto  (siehe China, Frankreich, Norwegen, usw). Die interessanten Mengen werden nicht in Deutschland verkauft, sondern weltweit, und damit diktiert die Welt wo's lang geht.  Da kann sich der deutsche Verpenner-Michel noch so verdutzt die Äuglein reiben: Wenn er nicht bald wach wird, ist auch diese Technologie-Dominanz ganz schnell weg vom Fenster.

Wer sich auch nur ein bißchen mit Technik auseinander setzt, muss zugeben, daß ein Elektro-Antrieb per se eindeutig einfacher, fehlerfreier und wartungsärmer ist als alle anderen Alternativen. Beim Tesla z.B. zählt man ganze 20 bewegliche Teile im Antrieb, beim klassischen Benziner sind es über 2000.  Fehlender Lärm, Drehmoment, Wirkungsgrad etc sind weitere  Pluspunkte. 

Der Gasantrieb ist da keinen Deut besser: es bleibt ein Explosionsmotor mit all seinen negativen Eigenschaften (Abgase, Lärm, komplizierte und wartungsintensive Technik, gefährlicher Treibstoff usw).  Und auch das Gas kann weiterhin nur an ein paar tausend speziellen Tankstellen nachgefüllt werden, und damit sind die ÖlMultis und der Staat weiterhin in der Lage, den Autofahrer zentral zu schröpfen und abzuzocken.

Somit könnte man sich doch zumindest soweit darauf verständigen, daß
a) der Verbrenner abgelöst werden muß; allein schon durch Umweltschutz (Abgase, Giftstoffe, Feinstaub, Lärm) und durch sich seit Langem abzeichnende Resourcen-Knappheit (wie lange reicht unser Erdöl noch? Und Fracking ist auch nicht die wirklich tolle Lösung)
b) anstelle des Verbrenners ein E-Motor die beste Lösung ist  (allein schon durch die Einfachkeit und den enormen Wirkungsgrad von ca 95% zu 25% beim Verbrenner)

Bleibt nur die Frage: wie kommt der Strom ins Auto.  Allein das ist scheinbar der allseligmachende Streitpunkt. Aber egal ob Akku, NanoFlowCell oder Brennstoffzelle (Wasserstoffantrieb): Allen gemeinsam ist der EMotor; in keiner der zukünftigen Technologie-Scenarien wird am irrsinnig miserablen Verbrenner festgehalten, außer an deutschen Stammtischen.

Wasserstoff (bzw Brennstoffzelle) hat den kleinen, aber doch bedeutsamen Nachteil: Es ist extrem aufwändig zu produzieren und zu transportieren, im Vergleich zu den Alternativen. Wollen wir tatsächlich auf Millionen von mind. 700bar  Hochdrucktanks mit explosivem Wasserstoff herumfahren?   Und man kann ihn auch nicht einfach dezentral selbst erzeugen, er muss in (bislang sehr teuren) Elektrolyse- und Verdichter-Stationen produziert werden, die damit auch nicht besser sind als die klassischen Tankstellen. Vorteil ist immerhin die bessere Vorhaltbarkeit, um zb Solar- und Windenergie zu puffern.

NanoFlowCell als Energieträger: Da scheiden sich die Geister, von absolutem "Fake" Geschrei bis hin zu Begeisterungsausbrüchen ist alles zu finden, aber ne serienreife, massen-taugliche Technologie ist's bislang noch nicht.

Bleiben also nur die Akkus als Stromspeicher, die wir sofort und ohne großen Kopfzerbrechen einsetzen können. Ja, die Energiedichte pro Kg ist noch um ein vielfaches kleiner als beim Verbrenner. Aber wen kümmert das?  Das Mehrgewicht ist eben nicht relevant, da der EMotor die Energiemenge, die zum Beschleunigen des Mehrgewichts aufgewendet wurde, auch wieder beim Verlangsamen durch Rekuperation zurückgewinnen kann. Das ist der große Unterschied zum Verbrenner, wo jedes kg Mehrgewicht automatisch zu Mehrverbrauch führt!  Natürlich ist auch die Rekuperation nicht mit einem Wirkungsgrad von 100% gesegnet, aber zumindest wird die Bremsenergie nicht nutzlos auf's Durchglühen von Bremsscheiben verwendet.

Dann die Sache mit dem Laden und der Reichweite. Ich kenne Audi- und BMW Fahrer, die alle 300km an die Tanke müssen, weil ihre Kisten dermassen saufen...  Aber hey: wer 250kmh fahren will, der muss halt auch der Physik Tribut zollen und der exponential steigende Luftwiderstand erfordert halt heftigen Mehrverbrauch. Aber wird deswegen der Verbrenner verteufelt? Ne. Notfalls baut man halt nen größeren Tank ein..   Genau das selbe beim EAuto. Wenn dir die Reichweite nicht genug ist: Nimm eins mit größerer Akkukapazität!   Aber nur weil ein Renault Zoe mit einem kleineren Akku ausgerüstet ist, heisst noch lange nicht, dass alle anderen EAutos ebenso geringe Reichweiten haben.  Wobei der Deutsche auch hier wieder unlogisch agiert: 95% aller Deutschen fahren nicht mehr als 30km am Tag.  Wie oft muss man da also ein 400km Auto laden?   Einmal die Woche. Jepp. Is wie tanken, nur dass ich nicht zu einer der wenigen tausend Tankstellen fahren muss und dort vom ÖlMulti erpresst werde.   Nein, ich kann an irgendeiner der milliardenfach vorhandenen Strom-Steckdosen aufladen. Und so nen Strom kann ich auch im hintersten Bergdorf noch selber machen, notfalls mit ner Turbine am Gebirgsbach, oder mit ner 10qm Solarfläche am Hausdach.  Nix mehr Erpressbarkeit und Abzocke an der Tanke!   Und Solarpanels funktionieren auch bei bundesweitem Stromausfall, wohingegen die Pumpe an der Tanke nix mehr tut.  Merkste was?  Es braucht nicht unbedingt teure "Ladestationen" vor jeder Haustür, es tut auch der normale Strom. Der tut zwar langsam laden, aber ein Auto steht eh die meiste Zeit nur rum.    Wenn du wirklich mal mehr als die bei 95% üblichen 30km am Tag fährst, nur dann brauchst du die Schnell-Lader, damit das Auto noch schneller fertig geladen bist, als du vom Pinkeln zurück bist. Aktuell sind wir bei ca 100km Reichweite in 10min, d.h. einmal Pinkeln und Kaffeepause sind ausreichend, um dich wieder 300km weiter zu bringen.  Der Audifahrer von vorhin kam auch nicht weiter...  Und der Dieselfahrer, der sich mit "800km mit einer Tankladung durchbrettern" brüstet: Ehrlich? 8 Stunden ohne Anhalten, ohne Pinkeln und Kaffee? Mit dir würd ich nicht mitfahren wollen, bzw dir auf der Strecke begegnen.

Aber dann kommt das Killerargument: "Ja, aber ich will einmal im Jahr mit meinem Wohnwagen oder Bootsanhänger nach Spanien! " - "Willst du das? Und warum?" - "Weil ichs kann!"    Dagegen kann man nicht an. Also: Bislang ziehst du den Wohnwagen auch nicht mit nem Fiat 127, sondern eben mit einem entsprechend motorisiertem Wagen, der auch gewichtsmässig nicht von der Anhängelast ausgehebelt wird. Nu, dann nimmste halt auch ein entsprechend dimensioniertes EAuto.  Das Tesla Model X ist zb perfekt zum Wohnwagen rumkarren. (Merke: ja, es gibt auch EAutos mit Anhängerkupplung. 2,4 Tonnen darf zb der Tesla X drauf haben).  Ökologisch und sinnvoll ist's sicherlich nicht, für "einmal im Jahr nach Spanien" sich den Wagen den Rest des Jahres langweilen zu lassen. Aber ok, es ist jeder seines Glückes Schmied.  Du kannst dir auch nen Airbus in den Garten stellen, nur weil du einmal im Jahr in die DomRep fliegst.

Und noch das Preis-Argument: Ja, die wirklich tollen EAutos kosten tatsächlich genausoviel wie die wirklich tollen Verbrenner.  Klar wär ein Tesla Model S oder X toll vor der Haustür; genauso wie ich früher nen 7er BMW bewundert hätte.  Beide kann ich mir nicht leisten.  Aber es gibt sie, also scheint es auch tatsächlich Käufer dafür zu geben. Dabei sind die EAutos, trotz teurem Anschaffungspreis, langfristig billiger als die bisherigen Verbrenner. Angefangen von den günstigeren "Treibstoffkosten" (ca 10 bis 20 kWh pro 100km, macht beim deutschen Strompreis 2,50 bis 6 Eur auf 100km und auch hier eigentlich nur der Strom-Mehrverbrauch ins Gewicht fällt, denn Sachen wie Zählergrundgebühr und Abrechnung hat man ja für seinen Haushalt ja sowieso. Weitere Einsparung kann hier möglicherweise noch durch billigeren Nachtstrom erreicht werden.
Dann entfallen fast alle bisher gewohnten Wartungsarbeiten wie Ölwechsel, Zündkerzen, Kupplung Getriebe, Keilriemen... Alles nicht mehr da. Luftfilter bei der Klimaanlage kann man selber tauschen. Bremsscheiben werden nur bei rabiater Fahrweise beansprucht, im Normalbetrieb bremst man elektrisch durch den Generatorbetrieb (Rekuperation). Auch das spart mehrere Hunderter oder Tausender im Jahr. Steuer und Versicherung sind im Normalfall ebenfalls günstiger.


Was also ist der wirkliche Grund der "EAuto-Hasser"? Technologische Ursachen können es nicht sein, ökologische auch nicht. Also ist's nur die Furcht vor Neuem? Die insgeheime Angst, dass wir unsere "technologische Vorherrschaft beim Verbrenner" dann noch früher verlieren? 

Wir stehen gerade am Anfang eines Technologie-Umbruchs, der sich über die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre hinziehen wird. Kein Mensch zwingt dich, jetzt sofort ein EAuto zu kaufen.  Wenn du momentan keine Ladesteckdose vor der Haustür hast und auch sonst nix im Umkreis findest, wo du einmal in der Woche hinkommst (schwer vorstellbar, aber nur mal angenommen): ja dann ist's momentan nix für dich, aber irgendwann in den nächsten zehn Jahren wird sich das auch bei dir ändern, und dann kannst auch du ohne Probleme wechseln. Und zehn Jahre sind auch ne lange Zeit, um die Akkuforschung weiterzubringen. Da wird sich noch Einiges tun... 

Also: Etwas mehr Mut zu Neuem, anstatt sich pessimistisch an "Altbewährtem" festzuklammern.

Keine Kommentare: